Hilfe, das Fernsehen ruft an! 5 Tipps aus der Praxis

Bloggerinnen und Blogger oder andere fleißige Menschen, die im Netz präsent sind und sich eine gewisse Expertise zu einem Thema angeeignet haben, denen kann es schon mal passieren, dass unerwartet das Telefon klingelt.

Unbekannte Nummer. “Hallo, mein Name ist Chris Libuda vom SWR und wir suchen eine Bloggerin zum Thema XY… und ich wollte Sie fragen, ob sie uns vielleicht ein Interview geben könnten?”

Schock. Das Fernsehen ruft an. Was tun?

Ich arbeite seit fast 2 Jahrzehnten in allen möglichen Funktionen als Reporterin und Redakteurin in verschiedenen Redaktionen der ARD – ich bin also vielleicht die am anderen Ende des Telefons. Und ich stelle immer wieder fest, dass es leicht Missverständnisse und Enttäuschungen geben kann. 

Gerne möchte ich euch also ein paar Tipps geben und versuchen zu erklären, was “die vom Fernsehen” eigentlich wollen.

Kurz noch vorweg: Ich rede hier nur von meinen persönlichen Erfahrungen im öffentlichen-rechtlichen Sender, von den anderen habe ich keine Ahnung.

1. Bitte keine zu hohen Erwartungen

Ich bin von Natur aus neugierig und deswegen ist der Beruf der Journalistin wie geschaffen für mich. Auch meine Kollegen sind interessiert an eurer Geschichte und euren Erfahrungen – aber oft haben sie wenig Zeit und sind in Gedanken vielleicht schon einen Schritt weiter, im Schnitt.  Sie werden euch vielleicht nicht die Aufmerksamkeit schenken, die ihr verdient habt.
Anders ausgedrückt: ich versuche, dass jeder, der mir ein Interview (als Experte – für Amtsträger wie Politiker gelten andere Regeln) gibt, später im Film möglichst gut dabei aussieht. Aber, und das mag jetzt hart klingen: ich mache als Journalisten einen Film über oder mit euch – und keinen Film für euch. Sondern für die Zuschauer. Für euch ist der Moment, an dem das Fernsehen anruft, vielleicht aufregend, neu und spannend. Für die Journaille ist es Alltag. Und morgen ist jemand anderes dran. Findet euch damit ab.

2. Macht es kurz und knapp

Die Reporter haben eine klare Längen-Vorgabe für den Film, den sie machen sollen. Ich rede hier ausschließlich von (semi-)aktuellen Sendungen. Also alles, was in den täglichen Nachrichten- und Magazinsendungen flimmert. Für lange Features und Reportagen gilt das nicht. Also: der Reporter darf – sagen wir mal: einen Film von 90 Sekunden für die Nachrichten machen. Dafür geht er mit seinem Kamerateam drehen und macht ein bis zwei Interviews. Das heißt, für euch: mit dem Cutter zusammen werde ich nach dem Interview das wichtigste, treffenste und vielleicht das orginellste Statement aussuchen und verwenden. Das ist ein Satz! Manchmal auch zwei. Bitte seid nicht enttäuscht, wenn alles andere nicht vorkommt, was euch vielleicht auch wichtig war.

3. O-Ton

Wenn das Fernsehen anruft, dann stellt ruhig die Frage: “Wird das ein O-Ton?” – dann wisst Ihr Bescheid. Dann wird nicht das ganze Interview gesendet (was ohnehin nur in den allerseltensten Fällen passiert) – sondern ein oder zwei Aussagen von euch. Der berühmte “O-Ton”. Wie gesagt: ein oder zwei Sätze. Fragt am Telefon, wenn ich anrufe: “Was wollen Sie genau wissen?” – und dann überlegt euch, was das Wichtigste ist, was ihr loswerden wollt. Formuliert vorher in Gedanken eure Ideen. Schreibt sie ruhig auf. Kurz, prägnant, klar, im besten Falle amüsant mit Anfang und Ende. Wenn ich als Reporterin zu euch komme, dann habe ich schon so ungefähr geplant, wie der Film hinterher aussehen soll. Ich glaube zu wissen, was ihr antworten werdet. Schließlich seid ihr ja der Experte.

4. Nochmal, bitte

Ihr sitzt nun also da, Kameramann und Tonmann in Position – und ich, die Reporterin, sitze vor euch und stelle die Fragen. Habt keine Scheu zu sagen: “Oh, kann ich das bitte noch einmal ein bisschen anders sagen” – wenn Ihr das Gefühl habt, eure Antwort kam nicht so gut rüber. Es wird ohnehin geschnitten! Ich als Reporterin bin auch froh, wenn auch der Interviewpartner merkt, dass das vielleicht nicht so toll war. Dann muss ich das nämlich nicht sagen.

5. Die Optik zählt

Als ich kürzlich mal in der anderen Situation war und ein Interview als Hochzeitsexpertin für Brisant geben sollte, ist mir erstmal der Blutdruck nach oben geschossen. Aufregung! Aber nicht, weil ich dachte, ohje, was sage ich nur. Sondern: ohje, wie sehe ich aus! Und: wie sieht’s hier aus! Nagelt mich nicht auf die genaueren Zahlen fest, aber im Studium habe ich gelernt, das im Fernsehen zu 80% auf das Bild geachtet wird und zu 20% auf den Inhalt. Das heißt: wenn ihr einen Fleck auf der Bluse habt, wird der Zuschauer so abgelenkt sein, dass euer schöner Text ungehört an ihm vorbeirauscht. Natürlich gucke ich als Reporterin darauf, dass die Krawatte nicht schief hängt. Aber, um ehrlich zu sein: Dafür seid ihr verantwortlich. Und alles, was irgendwie ablenkt, stört. Also räumt eine Zimmerecke frei und pudert euch ordentlich ab.

Bonustipp: Der Experte. Oder: die machen ja gar keinen Film über mich.

Ich habe zum Beispiel kürzlich für den SWR einen Film über YouTube gemacht. Dafür habe ich mir selbstverständlich Experten gesucht. Einen, der regelmäßig Filme auf YouTube hochlädt. Habe ich auch gefunden (Danke, liebe Maren Vivien – Du hattest sofort verstanden, was wir wollten…) – aber, damit da keine Missverständnisse aufkommen: ich habe keinen Film über Maren gemacht – sondern einen Film über YouTube. Das heißt: wir haben Maren besucht, ein paar Einstellungen gedreht, dazu ein bisschen Unordnung gemacht, viele Fragen gestellt, es war sehr nett und interessant – und am Schluss haben es eben nur ein paar wenige Statements und Bilder von Maren in den Film geschafft. Bitte nicht enttäuscht sein – ihr seid oft “nur” der Experte. Ihr tretet in einem Film auf, um eine Behauptung zu belegen, ein Phänomen zu unterstreichen oder eine Position einzunehmen. Ihr seid oft nicht die Hauptperson. Sorry, dafür. In meinem Fall war YouTube die Hauptperson. Fragt nach, von was oder wem der Film handeln soll, falls ihr unsicher seid.

So, das waren die ersten Tipps – da kommen in nächster Zeit noch einige dazu, versprochen.

Wie sind eure Erfahrungen? Habt bei euch schonmal das Fernsehen angerufen? Und wart Ihr danach enttäuscht? Habt Ihr Fragen? Gerne hier.